Ein dringender Notruf geht in der Rettungsleitstelle ein. Innerhalb weniger Sekunden nimmt ein Mitarbeiter das Gespräch an. Nun heißt es: in kürzester Zeit die richtige Entscheidung treffen und die Situation vor Ort mithilfe gezielter Fragen möglichst treffsicher einzuschätzen. Gemeinsam mit dem Österreichischen Roten Kreuz, Landesverband OÖ, wurde daher eine Software geschaffen, die genau hierbei hilft.

Die Idee

In Oberösterreich ist jeder Leitstellendisponent ausgebildeter Rettungs- bzw. Notfallsanitäter. Durch die Erfahrung im Rettungsdienst kann sich ein Disponent auch bei stressigen Telefonaten schnell ein Bild über die beschriebene Situation vor Ort machen. Besonders bei sehr aufgeregten Anrufern ist eine strukturierte Abfrage sehr wichtig, um alle wesentlichen Details zu erfassen. Hier – und auch sonst – leistet AUDIS Unterstützung. Der Aufnahme- und Dispositionsstandard (AUDIS) ist mit einem ausgeklügelten Fragenkatalog und einer speziellen Wahrscheinlichkeitslogik ein schlagkräftiges Hilfsmittel, überlässt die letzte Entscheidung aber schlussendlich dem Menschen.

Das Besondere

Eine Projektgruppe mit Beteiligten aus verschiedenen Leitstellen sowie medizinischem Personal erarbeitete diesen Fragenkatalog anhand der Lehrmeinung des Österreichischen Roten Kreuzes. Das zentrale Anliegen: Wie viele Fragen sind dem Anrufer sinnvollerweise zu stellen, bevor eine Handlung aus den erhaltenen Informationen abgeleitet wird? Zu wenig gestellte Fragen haben zur Folge, dass die Dispositionsentscheidung mit wenigen Informationen getroffen werden muss. Übertrieben viele Fragen kosten hingegen wertvolle Zeit.

Deshalb galt besonderes Augenmerk dem System an sich: Eine Fragen-Engine versucht möglichst strukturiert und gezielt die nächste Frage vorzuschlagen. Das System ist dabei trotzdem äußerst flexibel und benutzerfreundlich aufgebaut und kann so auch an neue medizinische Erkenntnisse angepasst werden.

Ein Beispiel

Nehmen wir an, es handelt sich um einen männlichen, älteren Anrufer mit Brustschmerzen und Atemnot. Die Fragen-Engine leitet nun durch:

  • Was weiß ich?
  • Welche Verdachtsdiagnosen könnten es sein?
  • Welche sind durch gezielte Fragen bereits auszuschließen?

Das Geschlecht, das Alter und die Symptome, sowie weitere Details zum Notfall werden erhoben. Die Fragenmethodik erfasst zu Beginn die gesamte Breite und erhärtet später, wenn bereits eine gewisse Wahrscheinlichkeit vorliegt, die Verdachtsdiagnose. Das funktioniert unter anderem durch die Bewertung des gesammelten Wissens. Der Leitstellenmitarbeiter kann den Fragen-Durchlauf abschließen sobald die Verdachtsdiagnose als gesichert gilt, ist also nicht vom System blockiert. Und auch in weiterer Folge unterstützt AUDIS in Form von Schritt für Schritt Erste-Hilfe-Anleitungen.

Beispiel 1

Die Praxis

2013 wurden die ersten Überlegungen zu dem System angestellt. Seitdem wird daran gearbeitet, getestet und gefeilt. Im November 2017 konnte es im Roten Kreuz Oberösterreich in Betrieb genommen werden. Dieser neue Weg bietet vielfältige Unterstützung, nimmt den Mitarbeitern aber das Denken nicht ab.

Übrigens: Die Software könnte auch außerhalb des Rettungsdienstes eingesetzt werden. Feuerwehr und Polizei, die beispielsweise in Deutschland oft mit der Rettung in einer Zentrale verwaltet werden, profitieren ebenfalls von einem standardisierten System.


(C) Bild: Elena Elisseeva/Shutterstock.com